Aus aktuellem Anlass

Schubladen zur Coronazeit

Coronazeittagebuch 12. 4. 2020: Versuch, etwas zu verstehen oder wenigstens zu beschreiben

Um diese Krise, die sich so komplex gibt, aber es möglicherweise gar nicht ist, in meinem Kopf klarzubekommen, verwende ich meine Schubladentechnik. Die wird zwar von meinen Kindern mit Kopfschütteln, Augenleiern und offenem Protest aufgenommen, aber das Schütteln, Leiern und Protestieren müssen die ohnehin üben.

Also. Die Schubladen.

Da wären zum Ersten die Entschleuniger und Innehalter. Entschleunigt und haltet inne! rufen sie, und: Nutzt die Zeit, um Wichtiges zu tun! Ruht und geht in euch! Endlich müsst ihr nicht mehr ständig herumrennen und beschäftigt tun! Noch besser: Ihr dürft es nicht mehr! Ihr müsst es noch nicht einmal selbst beschließen! Ihr werdet zum Entschleunigen verdonnert!

Eine mit mir vernetzte entschleunigte Person schickt täglich viele Fotos, Videos und Sprüche in soziale Netzwerke, die illustrieren, wie sie entschleunigt und innehält.

Zum zweiten: die Veränderer. Sie finden in dieser Krise eine Menge von üblen Gewohnheiten, Gegebenheiten und Gefügen, die ins Wanken geraten sind. Die Weltordnung; das unvertretbare Gegeneinander von Arm und Reich; die Idee des wirtschaftlichen Wachstums als Grundlage der Gesellschaft. Wenn man das jetzt ändern könnte! Jetzt, wo es wackelt, wie ein völlig schiefes, hässliches Gebäude aus Bauklötzern! Man könnte ein neues, herrliches Haus daraus bauen! Nur welchen Baustein nehmen wir heraus? Und was passiert dann?

Dann gibt es die Hamsterer. Diese Gruppe ist eine virtuelle Größe, denn es gibt sie nicht. Niemand hamstert. Ich will nicht das Kl-Wort verwenden, es ist schon so oft verwendet worden. Aber ich will hier nur zu bedenken geben: Wenn man all das weiße Mehl isst, was man eingekauft hat, braucht man auch kein Kl. mehr.

Zum vierten gibt es die Systemrelevanten. Einige davon wissen davon erst seit kurzer Zeit, und sie sitzen mit einem neuen Selbstbewusstsein hinter ihren Scheiben und könnten über Systemrelevanz nachdenken, wenn sie Zeit dafür hätten.

Ah, ja, fünftens, die Meckerer. Sie haben schon lange gewusst, was los ist. Man hat es ja kommen sehen, als es in China losging. Aber natürlich haben die Regierungen nichts gemacht. Die Chinesen. Die WHO. Die Flüchtlinge. Die bringen uns das Virus herein. Die eigene Regierung. Eine starke Regierung hätte all dem Einhalt geboten, als es noch möglich war. Jetzt ist es zu spät. Und sie, die Meckerer, müssen es wieder ausbaden.

Eine erstarkende Gruppe ist, sechstens, die der religiösen Eiferer. Sie haben die Wackligkeit der Situation erkannt und sich auf den virtuellen Weg begeben, um Menschen für ihren Glauben zu gewinnen. An einem einzigen Tag habe ich von verschiedenen Seiten dringliche Aufforderungen erhalten, endlich die WAHRHEIT zu erkennen. Je nach Toleranzgrad des jeweiligen Religionsgebildes winkt man mir mit Erlösung oder droht mit Verdammnis, manchmal auch beides.

Und dann sind da, siebtens, die Mündigen Kritischen Bürger. Sie trauen den großen Medien nicht, denn alles, was groß ist, unterliegt Einflüssen von denen, die es groß gemacht haben. Sie suchen sich Informationen in anderen Quellen, die sie alternativ nennen. Diese Quellen bieten Bedenkenswertes bis Hanebüchenes. Die MKBs nutzen ihre Intelligenz und ihr Vorwissen, um Bedenkenswertes von Hanebüchenem zu unterscheiden. Intelligenz und Vorwissen sind sehr unterschiedlich, deshalb fällt auch die Unterscheidung sehr vielgestaltig aus.

Eine zahlenstarke Untergruppe der MKBs hat einen großen Drang zum virtuellen Teilen ihrer Gedanken, eine andere ist eher dem Zweifel zugeneigt.

Schlimm hat es, wie immer, die Armen getroffen. Flüchtlinge, Hilfsarbeiter, Wanderarbeiter. Alle, die nicht an Zukunft denken können, weil sie die Gegenwart erst einmal überleben müssen. Sie brauchen Hilfe, aber von wem? Na, von uns! Den Reichen! Aber wie?

Gibt es eigentlich jemanden, neuntens, der von dem Ganzen profitiert? Ja! Kontaktscheue in sozialen Berufen. Lehrer*innen kurz vorm Burnout. Internetserviceproviderinhaber! Onlinehandelbesitzer! Und: Spekulanten, die anderer Leute Unternehmen hin und her schieben, als wären es Häppchen eines blutigen Steaks auf einem Teller mit Designerfood.

Dann sind da noch die Schweden. Zehntens. Die sitzen draußen in der Sonne und essen ihre Bollars zusammen mit ihren Freunden, von denen sie auch nicht weiter weg rücken als sonst.

Und: Elftens. Die Covid-19-Erkrankten. Von denen hört und liest man sehr wenig (außer sie sind Prime Minister). Warum eigentlich???

Da eine direkte Kommunikation nicht mehr stattfinden kann, wird das Netz genutzt, um sich zu den genannten Gruppen zusammenzufinden. Dabei ist ein jeder zunächst Zielperson jeder Gruppe, was einen unglaublichen Überschwapp an Mitteilungen zur Folge hat.

Mich selbst würde ich zu den Veränderern rechnen, Untergruppe Möchtegernveränderer. (Wobei ich natürlich Tendenzen zu anderen Gruppen habe.) Ich würde mir gern den Baustein Schule herausnehmen und die Krise nutzen, um Barmherzigkeit für Schüler- und Lehrer*innen, kleinere Klassen und Lernen statt Stopfen einzuführen. Global würde ich gern die Anhäufung von Kapital verhindern, das Immermehr als Triebkraft der Gesellschaft abschaffen und eine Ökodiktatur einrichten.

Jetzt ist die Zeit! Los geht’s!

Hamsterer, MKBs, religiöse Eiferer, Systemrelevante, Entschleuniger und Innehalter, Covid-19-Erkrankte, Profitierer, Arme, Schweden, Meckerer aller Länder, vereinigt euch!

Fortsetzung folgt…

 

Schön, dass wir Nachbarn sind

Hannes aus dem vierten Stock

Alter. Ich halts nicht aus. Was sich die Lehrer ausdenken, wenn sie allein zu Hause sind. Acht Arbeitsblätter an einem Tag. Gehts noch? Und dann Mama immer im Nacken, twentyfourseven.  Dass ich mich mal drauf freuen würde, EINKAUFEN zu gehen! Alter, wie tief kann man sinken? Vorhin hat Mama wieder so eine Aktion gefunden, „Schön, dass wir Nachbarn sind“, peinlich. Und ich soll das Netz jetzt Herrn Grau an die Tür hängen. Hoffentlich guckt er nicht, wenn ich das mache. Ja Mama, ich geh runter, gleich geh ich, ich bin hier mitten im Physikunterricht, geht’s noch?

Herr Grün aus dem dritten Stock, ausgestiegener Lehrer

Ein Stress! Man kommt zu nichts! Den ganzen Tag habe ich Videoclips erstellt und an alle meine ehemaligen Kollegen geschickt. Endlich haben die Lehrer mal frei, und die Eltern sehen, was es heißt, sich mit ihren Gören herumzuärgern. Ein Gepolter von früh bis spät!

Gerade hat das Bürschchen von obendrüber irgend etwas an meiner Tür gemacht, ich habe doch etwas gehört.

„Schön, dass wir Nachbarn sind.“ Na so was. Und Pralinen! Die nehme ich. Den Zettel hänge ich eins weiter nach unten.

Komisch, keiner antwortet mir auf die Videoclips. Ich schicke sie einfach noch mal.

Herr Lundström aus dem zweiten Stock, der eigentlich nach Hause will, aber bei seiner Freundin gestrandet ist

Was ist denn das für ein Zettel? Ich bin nicht dein Nachbar! Ich will nach Hause! Die spinnen, die Deutschen. Kappen das ganze Leben, jetzt wo es warm wird.

Bauen sogar die Parkbänke ab. Alles, damit, let’s face it, die Alten länger leben können. Und die Pfleger aus Osteuropa nehmen sie ihnen auch weg. Dann sind die Alten allein, können nicht mal in den Park gehen, aber sie leben länger!

Sperren ihre Kinder ein und wickeln Absperrband um die Spielplätze! Desinfizieren alles, was ihnen unter die Finger kommt. Schicken ihre Polizei in Streifenwagen durch die Parks, um Leute aufzuspüren, die ein bisschen Freude am Leben zeigen.

Ich hänge den Zettel mal nach unten, ich glaube, da wohnt eine Oma, die kann ja nun nicht mehr raus. Im Schrank war doch noch Schokolade. Die stecke ich mal mit dazu.

Die Oma, die nun nicht mehr raus kann, aus dem ersten Stock

Ich bin keine Oma. Ich bin Seniorin. Ordnung muss schon sein. Auch bei der Sprache. Wenn man nicht auf Ordnung achtet, kann man gleich aufhören. Ich achte auf mich. Wissen Sie, wie schwer es ist, auf sich zu achten, wenn man allein lebt? Das geht bei der Unterwäsche los und hört mit der Esskultur noch lange nicht auf. Alles in Ordnung und sauber zu halten, auch wenn man weiß, dass niemand guckt? Und jetzt guckt ja wirklich gar niemand mehr. Nicht einmal Fräulein Löber von obendrüber. Hängt mir Schokolade und einen Zettel an die Tür, „Schön, dass wir Nachbarn sind“, statt mal auf ein Schwätzchen reinzukommen. Das Ganze steckte in einem alten Kartoffelnetz, das hätte sie sonst entsorgen müssen. Pfiffig, die Jugend. Ich werde das Kartoffelnetz und die Karte weitergeben an Herrn Dause aus dem Parterre. Der wird sich wundern, der alte Griesgram.

Herr Dause, Griesgram, Parterre

Was soll das? „Schön, dass wir Nachbarn sind“. Es ist nicht schön. Schön ist überhaupt nichts mehr. Die Kinder kommen gar nicht mehr. Nur gestern sind sie plötzlich aufgetaucht, angetan mit Masken, ich dachte erst, es handele sich um einen Überfall. Vom Tempo her war es auch wie ein Überfall. Im Nu waren sie wieder weg. Einen Riesenhaufen Einkäufe habe sie dagelassen.

Was soll ich denn mit so viel Essen? Und mit dem vielen Klopapier? Denken die, ich habe so viel Schiss vor diesem Virus? Vor dem Tod? Aber warum denn?