Die Klappstunde

Ich verbringe den größten Teil meines Lebens damit, junge und manchmal sogar interessierte Menschen dazu zu bewegen, ihre Gedanken in der faszinierenden Sprache der Briten, Amerikaner, Australier, vieler anderer Länder und des Internets auszudrücken. Ebenso versuche ich täglich, die ebenso aufregende Welt der Musik für sie aufzuschließen.

Bei dieser Tätigkeit machen sich manche Gedanken breit, die nach Ausdruck drängen.

Um sie mit meinen ebenfalls gedankenschweren Kollegen zu teilen, habe ich die ostdeutsche Idee der Wandzeitung von ihrer schlimmen und staubigen Agitpropvergangenheit zu befreien versucht. Meine Wandzeitung heißt “Klappstunde” und hängt am Schwarzen Brett unseres Lehrerzimmers.
Liebe und aufmerksame Kollegen haben mich auf den Überschuss an Adjektiven in diesen Artikeln hingewiesen; ich hoffe, dass dies keinem Satz Überlänge verleiht, und nehme es ansonsten als Lob.

Manche der Artikel sind für den Nichtpädagogen etwas fachbegriffslastig; er/sie möge diese Stellen einfach überlesen und sich nach Vermögen am Rest erfreuen.

Medienkunde

Zu den Errungenschaften der modernen Welt gehören die Medien. Sie decken Korruptionen auf und halten potenzielle Korruptionskandidaten in Schach. Sie informieren uns über alle Katastrophen, Kriege und Morde und sorgen dafür, dass wir uns nie langweilen müssen. Sie verschaffen uns Tausende Freunde und erinnern uns an deren Geburtstage und was sie sonst so machen. Sie schaffen uns nie gekannte Möglichkeiten zur Bildung.

Wichtig dabei ist natürlich ein angemessener Umgang mit ihnen. Ein gebildeter Bürger muss Programme bedienen und anwenden können, die reichlichen Informationen filtern und einordnen, sich in der Sicherheit der Daten auskennen und die Ergebnisse seines Umgangs mit den Medien sachgerecht präsentieren können.

All diese Dinge muss man lernen, und zum Lernen ist die Schule da. Deshalb hat das Ministerium einen Kursplan aufgestellt, den die Schule vermittelt. Der Plan ist ein bewundernswertes Werk. Extrem kompetente Schülerpersönlichkeiten stehen an seinem Ziel. Er sieht aus wie ein Lehrplan und legt fest, was die Schüler am Ende des Kurses können sollen. Es gibt nur einen Unterschied zu den Lehrplänen der anderen Fächer: Es gibt dafür keine Unterrichtsstunden. Und keine Fachlehrer, die all das unterrichten. Nur die Inhalte. Natürlich gibt es Informatiklehrer, wir haben davon sogar einen ganzen an der Schule. Er kümmert sich um die mediale Kompetenz von Schülern und nebenbei auch von Lehrern (aber das ist schwerer). Außerdem kümmert er sich um die Medienausstattung; das bisschen Wartung der geschätzt 100 Geräte erledigt er quasi nebenbei. Nur manchmal muss man eins nachkaufen, aber diese Dinge sind ja haltbar, da kommt das nicht so oft vor. Nur für den Unterricht in allen Klassen reicht ein solcher Lehrer manchmal nicht ganz.

Aber da haben die klugen Lehrplanentwickler eine Lösung gefunden. Die Lehrer, sagten sie sich, unterrichten diese Inhalte ja sowieso in ihren jeweiligen Fächern, sie sind die kompetenten Vollzieher des neuen Lehrplans. In unserer sich stetig wandelnden Gesellschaft muss man ein Fach nicht vier Jahre studiert haben, um es kompetent zu unterrichten. Wir trauen da unseren Lehrern einfach mal was zu.

Das hat das Ministerium der Schulleitung mitgeteilt, und die Schulleitung hat dieses Vertrauen an uns Lehrer weitergeleitet. Besonders an die Klassenlehrer, die für ihre besondere Organisationskompetenz bekannt sind. Die stellen nun erst einmal schriftliche Pläne zusammen.

Schriftliche Pläne sind gut, man kann sie abheften und nötigenfalls den medienbewegten Ministerialkontrolleuren vorlegen.

Für mich ist das überhaupt kein Problem.

Ich habe ja in meinem Studium das Fach “Aufnahme- und Vorführtechnik” mit Erfolg abgeschlossen. Auf diese Kenntnisse greife ich nun zurück. Wir haben da gelernt, wie wir Dias zeigen und mit dem Tonbandgerät umgehen. So gerüstet, werde ich die Herausforderungen des Lehrplans Medienkunde mit Sicherheit meistern.

Die Schüler, die der Schule sowohl in medialer Ausstattung als auch im Tempo ihres medialen Lernens uneinholbar voraus sind, üben unbekümmert ihren eigenen Umgang mit Medien – in den Pausen, wenn wir uns vom Pläneschreiben erholen.

September 2016

Artgerechte Haltung

Artgerechte Haltung

Mehr und mehr, Gott sei Dank, achten wir darauf, dass die Dinge, die wir essen, einigermaßen ethisch vertretbar hergestellt werden.

(Davon ausgenommen sind Lebensmittel, die zu Zeiten akuten Zuckermangels auf dem Lehrerzimmertisch vorgefunden werden. Um die soll es hier aber lieber nicht gehen.)

Wir möchten, dass die Tiere, die uns Eier, Fleisch und Milch liefern, artgerecht gehalten werden und nicht durchdrehen, einander beißen und deshalb mit Psycho- und anderen Pharmaka vollgestopft werden müssen.

Richtig so! Weiter so! rufe ich uns ermutigend zu, muss aber hinzufügen: Und was ist mit den Schülern? Werden die artgerecht gehalten?

Kürzlich sprachen wir im Unterricht über Berufe und stellten fest, dass Bus- und Truckfahrer oft recht dick sind, weil sie acht Stunden am Tag sitzen. Wir auch, stellte eine Schülerin lakonisch fest, und alle nickten traurig in ihre sackig gewordenen, sitzgewohnten Körper hinein, die alljährlich beim Bockspringen für meine lieben Sportkollegen Gefahr für Leib und Leben bedeuten.

Was für eine maßlose Übertreibung einer beschwerdegewohnten Schülergeneration, rufen die Verteidiger des geordneten Schulwesens aus, es gibt ja Pausen!

Diesen Menschen empfehle ich einen Aufenthalt in einer großen Pause auf dem mit einer meterhohen Mauer umgebenen Gebiet von der Größe eines beim Zuschnitt extrem benachteiligten Schrebergartens, das bei uns die Bezeichnung Schulhof trägt.

Auf diesem bemitleidenswerten Stück Erde tummeln sich Menschen, deren Längen- Breiten- und Stimmwachstum sie unerbittlich zur Selbsterprobung drängt.

Die Dichte ihrer Leiber erinnert an die eines fischreichen, jetzt aber austrocknenden Tümpels. Nicht aber ihre Akustik.

Ein findiger Kollege von der Physikfraktion regte an, einmal eine Messung der Phonstärke auf diesen wenigen Quadratmetern durchzuführen. Er vermutete Werte, die in Fernsehdokumentationen von bedenklich stirnrunzelnden Experten in Diskotheken festgestellt und mit nachhaltigen Gesundheitsschäden in Verbindung gebracht werden.

Ich möchte seiner Initiative unbedingt meine Stimme geben und schlage vor, das Ergebnis lautstark öffentlich zu machen.

Außer den nicht artgerecht gehaltenen Schülern versuchten bis vor kurzem noch drei junge, wahrscheinlich taube und schlagunempfindliche Bäume ihr Leben auf diesem misshandelten Stück Land zu fristen.

Inzwischen sind es noch zwei. Einer war wohl etwas sensibler.

Er stand einige Monate als totes Mahnmal herum, bis ihn eine ebenso beherzte wie durch den Umgang mit einer besonders artungerecht gehaltenen Klasse gestählte Kollegin kurzerhand absägte.

Der Stumpf gab nun Gelegenheit zu dem, was Menschen jungen Alters natürlicherweise tun: krafterprobendes Spiel mit groben Naturmaterialien. Im Wechselspiel mit dem Novemberregen entstand um den nun in alle Richtungen beweglichen Ex-Baum etwas, das die zur Perfektion neigende Architektur unserer Städte schon fast zum Aussterben gebracht hat: eine Pfütze.

Da Kinder und Pfützen natürliche Verbündete sind und der noch nicht ganz verschüttete Instinkt erwachte, hatten am Tag nach der Pfützenbildung geschätzte 50 % der Kinder nasse Füße. Mit einer Grippewelle ist zu rechnen.

Die oben bereits genannte, ebenso furchtlose wie findige und pausenopferbereite Kollegin hat es nun geschafft, die ebenfalls oben genannte Klasse in einigen Pausen aus der pfützenbereicherten Ummauerung zu befreien. Die Klasse breitet sich nun artgerechter auf dem Kastanienhof aus und versetzt ruhegewohnte Standgrüppchen der Spätbeschulten in erstaunte und unfreiwillige Rotation.

Bravo, das ist Zivilcourage und Mut zur Artgerechtigkeit!

Bleibt noch das Problem derjenigen, die sich im Übergang der menschlichen Aggregatzustände befinden, im Wirbelsturm der Emotionen und Niemandsland der Rationalität, in jener Phase, mit deren Existenz der Schöpfer seinen tiefsitzenden Hohn auf alle Pädagogen auszudrückte.

Ich bin der Überzeugung, dass die meisten Menschen zwischen der 7. und der 9. Klasse durch ein mindestens einjähriges Praktikum in einer eher groben handwerklichen Tätigkeit unter klimatisch herausfordernden Bedingungen, gern auch in entlegenen Gebieten, wesentlich mehr Lebenswichtiges für sich gewinnen könnten als in derselben Zeit in einem murrenden, schlafähnlichen Zustand in der Schule.

Ich würde mich gern als Begleiterin zur Verfügung stellen. Denn auch ich werde nicht recht artgerecht gehalten. Aber das ist ein anderes Kapitel.

 

November 2013