Ohne Noten

“Ohne Noten” ist jetzt da!

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Zum Inhalt

Die Zentralfiguren, die angehende Lehrerin Vera Schauer und ihr kleiner Sohn Timmy, kommen gleichzeitig in die Schule. Abwechselnd aus den Perspektiven dieser beiden wird die Geschichte eines zweijährigen Beginns des Lehrerseins, des Referendariats, erzählt.
Warum dieses für manche nicht ohne Schaden zu überstehen ist und welche Verrücktheiten sich Lehrer und Schüler selbst und gegenseitig zumuten, kann der Leser den Schilderungen der Ereignisse entnehmen.

Ihre immer zu kurz kommenden Mutterpflichten, ihr schwieriges Liebesleben und ihre verrückten Nachbarn (Frau Müller, von Timmy Frau Brüller genannt, Frau Bülei, genannt Frau Ü-Ei sowie deren mysteriöser Mann namens Ihm) sind nur ein Teil von Veras Schwierigkeiten. Sie wird aufgerieben zwischen den Lehrern an ihrer Ausbildungsschule und ihren Ausbildern; beide versuchen, in krassem Widerspruch zu ihren Erziehungstheorien, ihren Stil zu „lehren“. Noten in beiderlei Sinn des Wortes spielen hier eine zerstörerische Rolle für Vera. Das hat sie mit manchen ihrer Schüler gemeinsam, denen sie sich – trotz oder wegen all derer Probleme – näher fühlt als den Lehrern.

Eine Ausnahme unter diesen Lehrern bildet Nina Cheriet. Sie ist eine Lehrerin, die Schüler als Individuen sieht. Daraus resultiert ein Unterrichtsstil, der sie zur beliebtesten Lehrerin der Schule macht, sie selbst aber auf die Dauer überfordert. Sie kann es nicht durchhalten und verlässt deshalb den Beruf, um ihre geistige und körperliche Gesundheit zu retten.

Auf diese Weise immer im Konflikt mit verschiedenen Arten von Lehrern stehend – und immer auch der Auseinandersetzung mit Schülern ausgesetzt – ist Vera vor ihrer letzten Prüfung dem Verrücktwerden gefährlich nah. Das ist nicht zuletzt durch die immer wieder gestellte Frage verursacht, wer denn ein guter Lehrer ist.
Nur durch eine seltsame Aktion, an der ein drogensüchtiger Schüler nicht unbeteiligt ist, kann Vera die Prüfung bestehen und Lehrerin werden – falls sie es noch will.

Der verletzlichen und suchenden Vera steht als Freundin und Gegenpart die selbstsicherere Doris Findeisen gegenüber. Nur eine so schwere Zeit, wie das Referendariat sie bildet, kann zwei so gegensätzliche Menschen (die in gewisser Weise für Ost- und Westdeutschland stehen) so eng verbinden. Selbst die Liebe zu dem attraktiven Sportreferendar Sebastian, der auf den ersten Blick für den Lehrerberuf geschaffen scheint und nach dem zweiten Blick aufgibt, haben die beiden gemeinsam. Auch hier wird der unterschiedliche Charakter der beiden auf skurrile Weise deutlich.
Dass die Geschichte im Osten Deutschlands spielt, wird an vielen Details wie der Wohnsituation, der Ausstattung der Schulen oder osttypischen Lehrerfiguren deutlich, ist aber nicht in erster Linie Thema des Buches.

Wie der doppeldeutige Titel ahnen lässt, geht es auch um Musik. Die untergeordnete Rolle, die Musikunterricht in Deutschland spielt, ist symptomatisch für eine Gesellschaft, für die Künstlerisches sich dem Pragmatischen unterzuordnen hat. Auch hier liegt ein zentrales Problem, das der Roman zu beschreiben versucht.

Am Schluss, als die beiden Hauptfiguren aus dem Buch und aus ihrer Wohnung ausziehen, hat Vera ihren Beruf, eine sehr schlechte Note und möglicherweise einen Partner: Konrad, den Vater des drogensüchtigen Schülers. Das letzte Wort hat Timmy.

 

Textprobe vom Anfang des Romans

1

„Du hast keinen Heftrand gefaltet! Fünf!“

„Aber ich habe doch alle Definitionen richtig hingeschrieben! Nur weil ich keinen…“

„Habe ich dich zum Sprechen aufgefordert?“ Die schneidende Stimme von Veras Staatsbürgerkundelehrerin wird noch schärfer. Ihre rundliche Gestalt in dem blauen, etwas zu engen Kostüm naht sich Vera, die sich instinktiv duckt.

„Welche Definitionen hast du richtig hingeschrieben?“

„Die vom Klassenkampf und die vom…“

„Sprich im Satz!“

„Ich habe die Definition des Klassenkampfes richtig hingeschrieben. Obwohl ich weiß, dass sie Blödsinn ist. Da hätte ich doch gleich hinschreiben können, was ich denke, wenn ich sowieso eine Fünf kriege. Statt diesen himmelschreienden Unsinn.“

„Was hast du da eben gesagt?!?“

Das Gesicht der Lehrerin wird purpurn, dann gelb und schließlich leuchtend golden. Ihre Züge verschwimmen, dann ihre Arme, ihre Beine, bis sie als Feuerball auf Vera zu rollt. Vera wird es wärmer und wärmer. Sie fühlt den Schweiß aus ihrem Rumpf brechen und versucht davonzulaufen. Aber sie hat keine Beine. Sie wirft sich vorwärts, dann seitwärts und schlägt strampelnd auf dem Teppich neben ihrem Bett auf.

Vera Schauer, werdende Musik- und Mathematiklehrerin, liegt schweißgebadet neben der Schlafmatratze in ihrer unsanierten Zweiraumwohnung, die sie mit ihrem Sohn Timmy teilt.

Sie knipst das Licht an und schaut durch die halb geöffnete Tür zu Timmy, von dem sie nur einen dünnen Arm und ein fast ebenso dünnes Beinchen sehen kann, das gefährlich weit über den Rand seines Hochbetts heraushängt. Timmy stöhnt leise, dreht sich, ohne herunterzufallen, vom Rücken auf den Bauch und schläft weiter.

Sie schaut auf den alten Wecker mit den beiden silbernen Schellen, den ihr Timmys Vater Tobias geschenkt hat, als er noch hoffte, sie zur Pünktlichkeit erziehen zu können. Es ist dreiviertel drei. Um eins noch hat sie sich hin und her gewälzt, ohne schlafen zu können.

Was war das nur eben für eine fürchterliche Lehrerin? Ach ja, Lehrerin… Morgen, nein heute ist der erste Tag ihres Referendariats. Sie darf sich dann Lehramtsanwärterin (LAA) nennen. Endlich? Das Studium mit Timmy war lang genug: fünf Jahre. Nun noch zwei Jahre Referendariat, und sie ist Lehrerin. Dann wird sie dreißig sein. Dreißig!

Vera schlurft zum Klo und schaut auf dem Rückweg in den Spiegel. Ihre langen braunen Haare stehen in alle Richtungen um ihr schmales Gesicht. Zwei grüne, vom Schlaf verquollene Augen blinzeln skeptisch unter dichten Augenbrauen hervor. Falten? Sie zieht eine fürchterliche Grimasse, die ihr Gesicht in eine einzige Faltensammlung verwandelt, und wankt wieder ins Schlafzimmer, wo sie die Decke fest um ihren schmalen Körper wickelt. Als sie die Augen schließt, ist die Lehrerin von vorhin wieder da, jedoch nur als schwacher Schemen, der sich langsam auflöst. Vera schläft traumlos bis zum Morgen.

 

„Ich bitte Sie nun, sich zu erheben. Sie heben die rechte Hand. Falls Sie gläubig sind, also falls Sie an Gott glauben, also falls Sie Gott…“ Frau Weiss, die Leiterin des Studienseminars[1], sieht von ihren Unterlagen auf. Ihr Blick irrt über die versammelten Lehramtsanwärter und -anwärterinnen. Sie räuspert sich und fährt fort: „Dann sprechen Sie: So wahr mir Gott helfe. Wenn Sie nicht gläubig sind, dann … sagen Sie einfach: Ich schwöre.“

Vera überlegt fieberhaft. Was soll sie denn jetzt sagen? Ist sie noch gläubig oder nicht? Oder wird ihr Gott helfen, auch wenn sie nicht mehr an ihn glaubt? Wird er ihr helfen, wenn sie – den Anweisungen gemäß – ihren Grünen-Sticker ablegt, um zu beweisen, wie parteineutral sie ist? Wie war doch gleich der Beweisgang, den Frau Weiss ihnen vorhin dargelegt hat? Schüler, die nicht mit der politischen Meinung des Lehrers konform sind, könnten, nötigenfalls mit juristischen Mitteln, der Meinung Aus- und Nachdruck verleihen, diese Nicht-Konformität sei die Ursache ihrer schlechten Noten. Deshalb: Keine politischen Bekenntnisse irgendwelcher Art für Sie als Beamte!

Und um sich in zeitlich begrenzte Beamte zu verwandeln, haben sich die Lehramtsanwärter in dem kleinen Saal feierlich zusammengefunden und jetzt erhoben, um ihren Schwur zu leisten.

Und wenn die zwei Jahre abgelaufen sind und ich eine unverbeamtete Lehrerin bin, was dann? Bin ich dann die Verpflichtungen los und kann wüst drauflos unterrrichten? Wozu dann der Schwur? Was ist das eigentlich – ein Schwur? Wieso müssen Beamte schwören?

Das Wort Schwur, Schwur, Schwur verselbstständigt sich in Veras Kopf und geistert darin herum, bis es ihr scheint, es wäre so etwas wie eine lange Schnur mit unförmigen Anhängseln daran oder gar eine schleimige gelbliche Substanz zweifelhafter Zusammensetzung.

„Ich schwöre“, brummelt der Chor der Lehramtsanwärter und reißt sie aus ihren Überlegungen.

„So wahr mir Gott helfe“, murmelt es merklich dünner weiter.

Verdammt. Sie hat den ersten Schwur verpasst. Sie schaut sich um. Keiner scheint etwas gemerkt zu haben. Die Referendare stehen mit ernsten Gesichtern und blicken ausdruckslos vor sich hin. Wolliges Fell sprießt aus den breiten Schultern der Sportlehreranwärter, den dünnen Hälsen der Deutschlehreranwärterinnen und über die Brillen der Geschichtslehreranwärterinnen. Die nervösen Hände der Kunstlehreranwärterinnen spreizen sich zu gepaltenen Klauen. Aus der Wolle der andächtig gesenkten Köpfe hängen brav je zwei bewegliche Schafsohren.

Vera schließt die Augen. Geht das schon wieder los. Ich muss das ablegen, wenn ich Lehrerin werden will. Konzentration. Dies ist ein feierlicher und folgenreicher Akt!

„Ich schwöre“, blökt die Menge.

„So wahr mir Gott helfe“, mäht die dünnere Fraktion.

Vera vernimmt ein ganz leises, sehr kurzes Kichern. Sie schaut zur anderen Seite. Ein Kopf ist ohne Wolle geblieben. Er gehört zu Sebastian, einem der Sportlehreranwärter. Sebastian blinzelt ihr mit seinen kleinen, dunklen, lachenden Augen zu und schüttelt seine schwarze Lockenmähne wie ein Komödiant. Dann zuckt er mit den breiten Schultern, wie um sich für all das zu entschuldigen, und zuckt beim letzten Eid theatralisch zusammen.

Die Klauen senken sich wieder. Es ist vorbei. Alle setzen sich.

„Somit ist die Verbeamtung abgeschlossen.“

Frau Weiss erlaubt sich ein Lächeln. Es ist ein zeitloses Lächeln, das gut zu ihrem zeitlosen Gesicht und der Frisur passt und in seltsamem Kontrast zu ihrem zeitgemäß sein wollenden lila Kostüm steht, das verloren an ihrer knochigen Figur hängt. „Ich rufe Sie nun einzeln auf, Ihre Urkunde in Empfang zu nehmen, die Ihnen Ihre Verbeamtung bestätigt.“

2

Meine Mama ist jetzt Berammte, hat sie gesagt. Was das bedeutet, weiß ich nicht. Aber sonst ist sie ganz okay. Mein Papa auch. Sie sind auch beide ziemlich lustig. Das Problem ist nur, sie sind es nie gleichzeitig. Überhaupt sind sie nie gleichzeitig da. Vielleicht gibt es die beiden gar nicht, sondern sie sind eigentlich nur einer. Wenn der eine von beiden da ist, löst sich der andere auf. Mama ist die Woche über da und löst sich am Wochenende auf. Da ist dann Papa da, und wenn der dünner wird, erscheint Mama wieder. Ich wünsche mir zu Weihnachten, dass beide unaufgelöst da sind. Als ich Papa das sagte, machte er „hm“, und als ich es Mama sagte, rollte sie mit den Augen, als hätte ich schon wieder heimlich Gameboy gespielt.

Sie rollt in letzter Zeit immer häufiger mit den Augen, seit sie wieder in die Schule geht. Dazu macht sie wunderschöne Grimassen, so dass ich sehr stolz auf sie bin. Wenige Mamas können das.

Heute war es besonders grimassig, da kam sie heim und machte vor, wie sie einen Schwur ablegen musste. Ein Schwur ist so etwas wie eine lange Schnur, glaube ich. Ich weiß nicht, wo sie die abgelegt hat. Sie musste dazu den Arm heben und etwas sehr Ernstes sagen. Und dann ist sie Berammte oder so etwas. Es bedeutet, dass sie nicht mehr alles machen darf, wie sie will, sondern sie muss immer erst überlegen, ob sie es darf. Bei manchen bedeutet es auch, dass sie ganz lange viel Geld bekommen, aber bei meiner Mama bedeutet es das nicht. Denn in zwei Jahren wird sie wieder ausberammtet. Dann ist sie wieder normal.

Wenn sie groß ist, wird sie Lehrerin. Ich möchte nicht Lehrer werden. Man muss da zu oft mit den Augen rollen und überlegen, ob man was darf oder nicht. Mein Freund Fabian hat gesagt, Lehrer sein ist doch schön, die können immer den Kindern sagen, was die machen sollen, und außerdem haben sie einen Haufen Ferien, hat sein Papa gesagt. Aber der hat meine Mama noch nicht mit den Augen rollen sehen. Ich finde, sie hätte das Referiat oder wie das heißt nicht machen sollen. Es ist nicht gut für uns.

Cool ist aber, dass wir beide gleichzeitig in die Schule gekommen sind. Nur sie darf noch nicht zu den Schülern. Wahrscheinlich ist sie noch zu wild, so frisch berammtet.

Ich darf schon.

3

Der Seminarraum ist weiß und kahl. Die Tische stehen als Hufeisen angeordnet. Seit der Renovierung gibt es keine Tafel mehr, sondern zur Demonstration und Veranschaulichung der pädagogischen Sachverhalte steht ein Flipchart zur Verfügung, ein überdimensionaler Zeichenblock auf einem großen Gestell, der mit stark quietschenden Stiften beschrieben wird. Danach flippt man das Papier über und gibt es ins umweltfreundliche Papierrecycling. Die Stifte sind oft leer oder verschwunden.

An den Tischen sitzen die Referendare und mustern einander verstohlen bis unverhohlen, je nach Temperament und Fachkombination.

Während Frau Weiss spricht, gleiten die Augen der Referendare immer häufiger zu ihren Beinen. Frau Weiss‘ Beine, deren dickste Stelle die Knie sind, stecken in graulila Feinstrumpfhosen. Dazu trägt sie einen grünen Faltenrock mit einem breiten Lackledergürtel. Der Rock endet kurz über ihren Knien, und sie zupft ihn beständig nach unten, als könne er dadurch länger werden. Ihre Füße stecken in leuchtend roten Schuhen mit bananenfarbenen Plateausohlen.

Vera beschließt, nicht mehr auf diese Kombination zu sehen, und lässt ihren Blick über die mit zwei Reihen Zierknöpfen besetzte Bluse zu Frau Weiss‘ spitzem Gesicht unter der herausgewachsenen Dauerwelle gleiten. Frau Weiss‘ blaue Augen blicken hilfesuchend in die hufeisenförmige Runde, die so erbarmungslos wie gebannt auf ihren bezupften Rocksaum starrt. Aus der Ecke der Sportlehrer dringen Wortfetzen. Vera zischt verärgert.

Hoffentlich ist Frau Weiss‘ Gehör nicht so gut. Warum können diese Sportlehrer nicht leise sprechen? Sie versucht, sich auf das zu konzentrieren, was Frau Weiss sagt.

Worum geht es? Ach ja, die Gestaltung der ersten Stunde.

„Achten Sie, meine Damen und Herren, zunächst auf Ihr Aussehen. In Schule ist es besonders wichtig. Vergessen Sie nicht, auf Ihnen ruhen mit einem Schlag bis zu dreißig Augenpaare. Wählen Sie etwas, in dem Sie sich sicher fühlen, das, ich sag das jetzt einfach mal so, nicht zu aufreizend wirkt, das die Schüler nicht ablenkt von dem Stoff, den Sie ja letztlich rüberbringen wollen, auf den es ja ankommt.“

Vera hört es neben sich glucksen. Ihre Nachbarin Doris, eine große, schöne, modisch gekleidete und energisch blickende Referendarin für Englisch und Kunst, die in Vera bisher ein vages Gefühl eigener Unzulänglichkeit hervorgerufen hat, schiebt ihr ein beschriebenes Zettelchen über die Bank zu: „Achte auf dein Outfit.“ Vera blickt sie an. Doris zwinkert mit den langen, grün getuschten Wimpern.

Am Ende des Seminars ist das Zettelchen übervoll mit kleinen Botschaften in den beiden Handschriften; selbst die Ränder sind kreuz und quer beschrieben. Die beiden wissen jetzt einiges voneinander.

Auch Doris naht sich der Dreißig, auch sie hat in verschiedenen Jobs gearbeitet, auch sie will es gut machen, besser als die meisten ihrer Lehrer, auch sie ist neugierig aufs Unterrichten, jedoch fürchtet sie sich nicht davor, so wie Vera. Sie kommt aus Bremen. Warum sie im Osten das Referendariat antritt? Neugierde. „Die Leute hier haben eine Erfahrung mehr als wir“, hat sie auf das Zettelchen geschrieben und hinzugefügt: „Kommst du noch mit auf einen Kaffee?“ So ging das Seminar vorbei.

„Nein, leider. Ich muss nach Hause. Mein Sohn.“

„Du hast einen Sohn? Wie alt ist er denn?“

„Sechs. Geht jetzt auch in die Schule.“

„Da ist er jetzt allein am Nachmittag?“

„Nein, er ist im Hort. Ich hole ihn ab.“

„Im Hort?“ Doris überlegt. „Ist das nicht hart für ihn?“

„Ich – weiß nicht. Ich glaube nicht. Viele Kinder gehen dort hin.“

„Kann ich mitkommen?“

4

Im Hort war es geil. Wir haben heute Video geguckt. Dann kam Mama mich abholen, leider etwas zu früh. Na ja, ich bin trotzdem mitgegangen.

Heute brachte sie mal wieder jemanden mit, so eine große, dünne Frau mit ganz kurzen Haaren, grün bemalten Augen, Stöckelschuhen und einer komischen Sprache. Die andere Frau hatte ihr Auto mit, da sind wir im Auto nach Hause gefahren. Das war schön.

Aber dieses Geschnatter!

Frauen.

Obendrein dann die Nachbarinnen. Wir haben zwei Nachbarinnen, eine oben und eine unten. Sie heißen Frau Brüller und Frau Ü-Ei. Eigentlich haben sie auch richtige Namen, Frau Müller und Frau Bülei.

Frau Bülei wohnt oben über uns. Sie schenkt mir immer Ü-Eier, deshalb nennen wir sie Frau Ü-Ei. Dafür drückt sie mich immer mal an sich. Das ist schön weich und so. Aber sie könnte mich schneller wieder loslassen. Außerdem klopft sie manchmal bei uns und will irgendwas, Salz oder Margarine oder so was, damit sie Ihm das Essen kochen kann. Ihm ist ihr Mann, der im Bett liegt und sich nicht bewegen kann. Er hat keinen Namen, aber sie spricht viel von Ihm, z.B. „Ich muss Ihm noch waschen, und dann muss ich Ihm noch rasieren“, und so fort. Frau Ü-Ei spricht so ulkig. Mama hat gesagt, sie kommt von dort, wo jetzt Rumänien ist, und musste im Krieg dort weg. Das war sicher schrecklich. Wenn man aus Rumänien kommt und so einen langen Weg gehen musste, dann spricht man so. Frau Ü-Ei spricht auch sehr viel. Das ist wahrscheinlich, weil auf dem langen Weg keiner zum Zuhören da war, und da haben sich die ganzen Wörter angesammelt, und jetzt wollen sie alle raus, und da sind wir da zum Zuhören. Eigentlich könnte Ihm ja zuhören, aber vielleicht kann er nichts mehr hören. Oder es gibt Ihm gar nicht. Jedenfalls haben wir Ihm noch nie gesehen.

Frau Ü-Ei ist eigentlich sehr lieb, nur manchmal sagt Mama, wenn sie klopft (sie klingelt nie), „Wir sind nicht da“, und stöhnt leise. Da mache ich die Tür auf. Frau Ü-Ei hat ja meistens ein Ü-Ei mit. Da lasse ich mich auch mal drücken. Und dann steht sie drin in unserer Wohnung und sucht sich schnell einen Stuhl, weil sie nicht stehen kann wegen ihrem bösen Knie, und erzählt von Ihm.

Unsere andere Nachbarin von untendrunter ist Frau Brüller. Sie ist das Gegenteil von Frau Ü-Ei. Sie möchte vielleicht gern auf einer einsamen Insel leben, sagt Mama, oder irgendwo anders, jedenfalls nicht unter uns. Immer wenn wir uns bewegen, wummert sie an die Decke und brüllt in ihrer Wohnung herum, und am ärgsten ist es, wenn Mama Klavier übt oder Cello. Dann macht sie unten die Hitparade der Volksmusik auf Discolautstärke und poltert und brüllt. Ich möchte gern wissen, wie man so schön laut poltern kann, an so vielen Ecken und obendrein an der Decke, überall gleichzeitig.

Mama sagt, Frau Brüller reitet auf dem Besen durch ihr Zimmer und eckt überall an, aber Mama sagt immer mal so Sachen oder sieht Tiere oder Monster. Vielleicht tanzt Frau Brüller einfach zu ihrer Hitparade der Volksmusik. Mama hat auch schon versucht, mit Frau Brüller zu reden, weil sie doch Klavier üben muss für ihr Referendat. Aber Frau Brüller hat nur gebrüllt und schlechte Wörter zu meiner Mama gesagt, die ich nicht verstanden habe.

Mama hat mir die Wörter erklärt, und sie bedeuten, dass meine Mama für Geld mit vielen Männern im Bett kuschelt. Das stimmt aber nicht, denn sonst hätten wir mehr Geld und müssten nicht in dieser kleinen Wohnung über Frau Brüller wohnen. Und kuscheln tut Mama mit mir.

Als wir heute zu dritt heimkamen, stand Frau Ü-Ei schon an der Treppe und lauerte mit einem Schokoriegel und entschuldigte sich, weil sie kein Ü-Ei hatte.

Dann saßen die ganzen Frauen noch lange in der Küche und schnatterten, und ich hab mich verkrümelt und meinen Schokoriegel gelutscht und über das Video nachgedacht.


[1] Das Studienseminar ist die Einrichtung, an der die Referendare oder Lehramtsanwärter ausgebildet werden. Hier finden ihre Lehrveranstaltungen statt; den größten Teil der Zeit unterrichten sie aber an ihnen zugewiesenen Schulen.

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