Ostwind

Mein erster Roman “Ostwind” ist 2000 im Newcomer Verlag Erfurt erschienen und kann dort bestellt werden unter http://www.erfurtsch-deutsch.de/shop.html

Hier ein Auszug vom Anfang des Buches.

Es muß sich schon vorher angebahnt haben, aber leibhaftig, sozusagen, ist er Caroline erst in dieser Bibliothek begegnet. Die Bibliothek steht etwa 2000 Kilometer östlich von Berlin. Sie hat inzwischen ihren Namen geändert, so wie das Land seinen Namen geändert hat. Es hat, als wäre inzwischen nichts geschehen, seinen alten Namen angenommen, der ihm vor mehr als siebzig Jahren weggenommen wurde. Der alte Name klingt altertümlich. Sein Geschlecht, in seiner Muttersprache, ist weiblich. Er klingt mütterlich. Er klingt nach all dem, was mit der Namensänderung abgeschüttelt werden sollte: der Zar, die Leibeigenschaft, die Ansammlung von Reichtümern und die Armut; die Religion. Er klingt nach endlosen Weiten und nach Birken, die sich im Winde wiegen, nach listigen Bäuerlein, farbenfrohen Dorfschönen und Tanzliedern in Moll.

Rossija – Rußland.

Aber die Namensänderung fand erst später statt. Begegnet ist er Caroline in der Bibliothek der Stadt B., am Rande der Russischen Sowjetrepublik, im Herzen der Sowjetunion.
Im August 1986 reiste Caroline mit den anderen Studentinnen aus der DDR in die Sowjetunion, um Mütterchen Rußland in ihr zu finden, ihr in die melancholische Seele zu schauen und nebenbei die Fähigkeit zu erwerben, die fremdartigen und zum großen Teil zischenden Laute ihrer Sprache zu möglichst sinnerfüllten Sätzen zusammenzubauen.
Vorangegangen war dem ein Prolog, bei dem er, wie gesagt, schon dabeigewesen sein muß. Nur hat sie ihn nicht erkannt, weil sie damals noch nicht wußte, woran man ihn erkennt, und überhaupt zu verwirrt war, um irgend etwas zu erkennen.

Prolog im Hörasaal

Einer der großen Hörsäle in der Universität von L. Er ist gefüllt mit Studentinnen (die meisten davon Innen), die neugierig einem ganzen oder halben Jahr Sowjetunion entgegenblicken und eifrig mitschreiben, was die reiseerfahrenen Dozenten und frisch zurückgekehrten Studenten zu sagen haben: Empfehlungen für Gepäck und Geldtausch, Abfahrtszeit und -ort, Registrierung, Papiere.
„Nehmt genug Medizin mit! Natürlich werdet ihr ausreichend versorgt, aber es treten mitunter gewisse Engpässe auf. Betroffen ist davon auch die Damenhygiene, meine Damen.“
Unterdrücktes Murmeln im Hörsaal.
„Wie machen das denn die Frauen dort“, flüstert Caroline ihrer Freundin Ulrike zu, „menstruieren die gar nicht?“
„Keine Ahnung“, flüstert Ulrike zurück, „vielleicht nicht so oft. Oder den gesellschaftlichen Notwendigkeiten entsprechend – wenn es gerade Binden gibt.“
Professor Hacker tritt ans Mikrophon und erläutert das Ausmaß der Verantwortung der vor ihm sitzenden Studenten als Repräsentanten der DDR, die Größe des von Universität, FDJ und Partei in sie gesetzten Vertrauens und vergißt auch nicht zu sagen, wem und warum DDR-Studenten zur Dankbarkeit verpflichtet sind. Wir sind dort, vergessen wir das bitte nie, Gäste und nicht zu Hause.
Die Stifte ringsum sind zur Ruhe gekommen oder malen Männchen. Auf den Gesichtern der Studenten erscheint jener Ausdruck, den Caroline und Ulrike das Versammlungsgesicht nennen: Die es eilig haben, werden nervös. Die gerade verliebt oder von verträumter Natur sind, bekommen einen in die Ferne gerichteten, leicht glasigen Blick. An verschiedenen Stellen erscheinen Bücher oder Strickzeug unter den Bänken.
Professor Hacker fährt fort: „Nun noch etwas zum Umgang mit Ausländern. Sie wissen, daß die Sowjetunion jungen Leuten aus den verschiedensten Ländern die Möglichkeit
gibt zu studieren. Eine Möglichkeit, die viele dieser Studenten in ihren Heimatländern nicht hätten. Nun sind jedoch nicht alle von diesen Studenten unsere Freunde und wollen uns Gutes. Es ist nun einmal so, daß es nicht jedem ins Gesicht geschrieben ist, ob er Freund oder Feind ist.“
Wieso Freund oder Feind? denkt Caroline. Ihr linkes Augenlid beginnt zu zucken. Gegen dieses Lidzucken kann sie nichts tun. Es ist, wie ihr Ulrike einmal erklärt hat, ein psychosomatisches Lidzucken und Ausdruck eines Mangels an innerem Gleichgewicht. Das hilft Caroline jedoch wenig. Sie hat den Verdacht, das Zucken steht, warum auch immer, in Verbindung mit den Worten Entweder-Oder. Sie hält sich die Hand vor das zuckende Lid und faßt Professor Hacker ins rechte Auge.
„Eine Studentin aus Berlin, ich will ihren Namen hier nicht nennen, hat unsere Bestimmungen mißachtet und sich mit einem Studenten aus einem arabischen Land eingelassen. Sie wurde schwanger.“
Professor Hackers Mundwinkel bewegen sich etwas nach oben, was dem schmalen Mund mit den vorgestülpten Lippen einen genießerischen und schnabelartigen Ausdruck verleiht, während seine Augen hinter der Brille unter halb heruntergezogenen Lidern seine Zuhörerinnen mustern.
„Und sie verschwieg uns das. Kurz, sie heiratete diesen Mann, zog mit ihm in sein Land und mußte dort mit Erstaunen feststellen, daß sie nicht seine einzige Ehefrau war.“
Das Lächeln hat sich auf Professor Hackers Gesicht ausgebreitet. Sein hocherhobener Kopf auf dem langen Hals dreht sich langsam hin und her und läßt seinen Blick über die Köpfe schweifen wie ein Suchscheinwerfer.
„Es würde Stunden dauern, liebe Jugendfreunde, würde ich Ihnen hier im einzelnen berichten, welche Anstrengungen unsere Botschaft unternommen hat, um die Frau und das Kind freizubekommen. Nach langem und aufwendigem Einsatz aller diplomatischen Mittel ist es unserem Botschafter im letzten Moment noch gelungen. Es hätte aber auch anders ausgehen können. Also nehmen Sie sich in acht. Prüfen Sie vorher, mit wem Sie sich einlassen.“
Professor Hacker holt ein Papier aus seinen Unterlagen hervor und fährt fort:
„Um Ihnen dabei zu helfen, haben wir hier einige Richtlinien, die jeder Student unterschreibt, der in die Sowjetunion fährt. Der Inhalt ist, kurzgefaßt, folgender: Mit den Studenten aus den sozialistischen Ländern halten wir Freundschaft. Mit den Studenten aus den Entwicklungsländern verkehren wir im Kollektiv und mit Erlaubnis des Komsomol. Zu den Studenten aus den kapitalistischen Ländern zeigen wir eine kühle Höflichkeit.“

Caroline sieht sich um. Versammlungsgesichter. Sie sieht neben sich zu Ulrike.
„So ein Schwachsinn“, sagt Ulrike. „Und auch noch von einem Ganter vorgetragen.“
„Das unterschreibe ich nicht“, zischt Caroline.
„Da wirst du nicht drum herum kommen.“
Caroline dreht sich zu Anne, die auf der anderen Seite neben ihr sitzt.
„Anne, was sagst du dazu?“
„Wozu?“ Anne sieht von ihrem Brief auf, dessen Inhalt sich in ihren großen, verträumten braunen Augen mit den dichten schwarzgetuschten Wimpern widerspiegelt.
„Na! Unterschreibst du das?“
„Was unterschreibe ich? Ach so. Warum denn nicht? Da hält sich doch sowieso kein Aas dran.“
„Aber dann müssen wir es doch nicht unterschreiben! Wenn wir es alle für Unsinn halten?!“
„Ach Caroline.“ Ulrike seufzt. Anne wendet sich wieder ihrem Brief zu.
Als die Studenten, die schwer gewordenen Glieder reckend, aus dem Hörsaal summen, geht Caroline zum Lehrpult. Sie geht in dem ihr eigenen Gang; Ulrike nennt ihn „schleichen“. Leicht gebückt, die Knie nie ganz nach hinten durchgedrückt, den Kopf vornweg. Caroline vermeidet es, laut aufzutreten und viel Raum einzunehmen. „Nimm dich nicht so wichtig!“ ist einer der Lieblingssätze ihrer Mutter. Carolines Mutter hat den gleichen Gang wie Caroline.
„Herr Professor, ich habe eine Frage“, sagt Caroline und lächelt zu ihrem eigenen Verdruß entschuldigend.
„Aber, bitte schön! Es ist sehr wünschenswert, wenn Studenten fragen.“
„Warum sollen wir das unterschreiben? Ich meine, kann man denn seine Beziehungen zu Menschen je nach ihrer Herkunft beliebig drosseln oder ankurbeln?“
„Wer spricht denn hier von Drosseln und Ankurbeln. Sie können sich doch mit jedem Studenten frei unterhalten. Es ist nur bei manchen ein gewisses Risiko vorhanden, das Sie als Studentin nicht einschätzen können. Das kann ich Ihnen versichern. Und um das auszuschalten, ist diese Belehrung da.“
Er wiederholt sich bereits, denkt Caroline. Er hat also keine Argumente. Er hat also Anweisung. Diskussion ist also fruchtlos.
„Was passiert, wenn ich das nicht unterschreibe?“
„Dann bleiben Sie hier. Es gibt genug Studenten, die auf Ihren Auslandsstudienplatz warten. Wir müssen uns überlegen, wem wir die Auszeichnung eines Teilstudiums im Ausland zukommen lassen. Wissen Sie, was ein Jahr Studium in der Sowjetunion unseren Staat kostet?“
„Ich meine doch nur…“
„Im übrigen“, Professor Hacker senkt Stimme und Oberkörper zu Caroline hinunter, „es wird doch nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird. Es hat doch niemand etwas dagegen, wenn Sie sich mit Studenten freundschaftlich unterhalten. Dieses Papier verlangen die Freunde nun mal von uns. Eine Formalität. Sprechen Sie einmal mit den Studenten, die gerade aus der Sowjetunion zurückgekommen sind. Sie werden sehen, in der Praxis sieht alles etwas anders aus.“

Das war der Prolog. Bei dem er, wie gesagt, schon dabeigewesen sein muß. Die Logik des Gesprächs zwischen Professor Hacker und Caroline macht es klar, daß er hier bereits seine Finger im Spiel hatte.
Ob Caroline unterschrieben hat?

Sie hatte eine Woche zum Überlegen.

Angenommen, ich unterschreibe. Dann muß ich mich auch daran halten.
Ich treffe also einen Entwicklungslandstudenten, in der Mensa oder wo, komme mit ihm ins Gespräch und sage plötzlich: Moment, ich muß erst mal zum Komsomol, fragen gehen, und komme dann mit dem Seminargruppenkollektiv zurück.
Oder ich lerne jemanden kennen, der oder die sich bei näherer Bekanntschaft als von kapitalistischer Herkunft entpuppt. Ich drehe mich herum und lasse meine Sympathie in kühle Höflichkeit umschlagen.
Aber muß ich es denn so genau nehmen? Dieses Dokument ist nicht dazu gemacht, daß man es befolgt, sondern dazu, daß man es unterschreibt.
Irgendwo muß ich mir die Grenze setzen. Bis hierher und nicht weiter.
Aber es ist nur ein Papier. Und ich will in die Sowjetunion fahren. Will mir das Land selber ansehen. Dann bin ich nicht mehr auf die Informationen der Lehrbücher und Zeitungen angewiesen und kann außerdem später meinen Schülern wahre Geschichten erzählen. Und ich weiß, was ich sagen kann, wenn wieder jemand das Wort RUSSE als Schimpfwort gebraucht.
Aber wenn ich dieses Papier unterschreibe, stimme ich seinem blödsinnigen Inhalt zu. Es wäre wieder ein Schritt in die Richtung, in die sie uns haben wollen. Jasagen und zustimmen, wider besseres Wissen und Gefühl. Oder, besser, ohne.
Nein. Irgendwo muß ich mir die Grenze setzen: Dies mache ich noch mit, und das mache ich nicht mehr mit. Das hier ist jenseits der Grenze.
Und wenn ich die Grenze ein Stückchen verschiebe? Ein kleines Stückchen nur?

Ob sie unterschrieben hat? Natürlich hat sie unterschrieben. Sie wollte mitfahren.

Sie konnte doch nicht anders. Was hättest du denn machen sollen als einzelner. Sie wurde gezwungen. Der Apparat hat sie bedroht. Aber sie hat sich gewehrt.

Sie hat eine Woche lang mit ihrer Unterschrift gezögert.

Solange sie konnte, hat sie ihre Unterschrift verweigert. Sie war ein Widerstandskämpfer. Sie war ein Regimegegner!

1. Kapitel
in dem in einer russischen Bibliothek ein Buch gesucht und ein anderes gefunden wird

„Das ist ein Buch“, hat Pawlina Nikolajewna zu Caroline gesagt. „Es geht dich von innen an, und es reißt dich um. Wenn du etwas über die Sowjetunion erfahren willst oder über den Geist, der jetzt bei uns herrscht, dann lies es! Lies es, wenn du es irgendwie bekommst. Es ist abschnittsweise in einer der Literaturzeitschriften, der „Literaturnaja Gaseta“, herausgekommen. Als Buch ist es noch nicht erschienen. Versuch, die Literaturzeitschrift in der Bibliothek zu erwischen!“
Weil Pawlina Nikolajewna derjenige ihrer Lehrer am Institut der russischen Stadt B. ist, dem Caroline vertraut, geht sie am Nachmittag nach diesem Gespräch in die Institutsbibliothek.

„Das Heft der ‚Literaturnaja Gaseta’ ist ausgeliehen“, teilt die Bibliothekarin Caroline mit, betrachtet das Gespräch als beendet und geht zurück zu den Regalen. Sie trägt eine Hornbrille, hinter deren dicken, geschliffenen Gläsern ihre wasserblauen Augen durch die Bücherrücken und Karteikarten hindurchzustarren scheinen, während ihr schmaler Körper in dem grauen Wollkleid behende durch die Reihen der Regale gleitet.
„Bei der Forelle wirst du kein Glück haben“, raunt Ulrike von schräg oben in Carolines Ohr.
„Aber, entschuldigen Sie“, ruft Caroline ihr nach, „Journale sind doch nur für den Lesesaal zu haben. Man darf sie nicht ausleihen, hat man uns gesagt.“
Die Bibliothekarin dreht sich mit einem Ruck um. Die Brillengläser richten sich auf Caroline.
„Sie sind nicht da, die Journale, verstehen Sie? Sind weg. Kommen Sie übermorgen wieder.“
„Werden sie denn übermorgen zurückgegeben?“
„Woher soll ich das wissen? Vielleicht sind sie da, vielleicht nicht.“ Sie wendet Caroline ihren knochigen Rücken zu.
Nach zwei Tagen sind die Journale nicht da. Auch nach drei, vier, sechs und zehn Tagen nicht.
Nach zwei Wochen sind Caroline und Forelle Bekannte. Auf Carolines Erscheinen hin (fragen muß sie seit einer Woche nicht mehr) knallt die Bibliothekarin ein zerfleddertes Heftchen vor sie auf den Tisch.
„Ist das…?“
„Lesen Sie das, wenn Sie sich dafür interessieren.“ Sie nennt Caroline eine Seitenzahl und fügt streng hinzu: „Sie müssen es aber hier lesen; Literaturzeitschriften sind nur für den Lesesaal. Nicht zum Ausleihen.“
Caroline eilt in den Lesesaal. Auf der angegebenen Seite findet sie nicht das Buch, das sie sucht, sondern ein Theaterstück: „Sarkophag“. Sie beginnt zu lesen.
Sie liest ohne Pause und kommt erst wieder zu sich, als Forelle, unbewegten Gesichts, laut mit dem Schlüssel scheppert.
Als Caroline aus der Bibliothek taumelt, hat sie das Aussehen von jemandem, der eine Eingebung oder einen Schlag in die Nierengegend empfangen hat. Ihr rundes, sonst bewegliches Gesicht ist ausdruckslos, ihre Augen sind fast geschlossen, ihr geöffneter Mund saugt die frische Abendluft in großen Atemzügen ein, ihre Brust hebt und senkt sich ruckartig.
Das ist der Anfang von etwas. Das gab es bei uns noch nie. Ein Frage-Stück ohne Antworten. Bisher hatten sie immer die Antworten parat. Auch wenn wir schon lange nicht mehr gefragt haben. Aber jetzt? Endlich, endlich fragen dürfen!
Ein Gefühl hat sich gegen das Durcheinander in Caroline durchgesetzt. Ihre grünen Augen leuchten, der Mund mit der ausgeprägten Unterlippe beginnt zu lächeln, die dichten, Augenbrauen heben sich. Das energische Kinn nach vorn gereckt, geht sie mit schnellem Schritt in Richtung Wohnheim.
Caroline hat das Recht zu fragen wieder entdeckt und ist entschlossen, es für sich in Anspruch zu nehmen und auch die anderen damit zu locken.
Aber was dann? Was kommt nach den Fragen?
Oder: Was ist Perestroika für die, die keine Fragen mehr haben?

Geschichte.
„Heute berichtet uns über den Stoff der vergangenen Stunde“, der dicke Finger fährt über die Zeilen des Registers; alle Köpfe sind tief in den Heften versunken und versuchen fieberhaft, sich noch einige Jahreszahlen und Geschehnisse einzuprägen, „Kerstin!“
Allgemeines Ausatmen. Kerstin stöhnt schwach, und Anne und Sabine präparieren sich zum Vorsagen.
Die Bücher, die die Studenten benutzen, sind die Schulbücher, nach denen alle Schüler der neunten Klasse in der Sowjetunion unterrichtet werden. Kerstin hat gut „gelernt“. Manche ihrer Sätze kann man im Buch sogar mitlesen: „Und so schützte Rußland Europa vor dem Überfall der Mongolo-Tataren.“
Eine reife Leistung.
Am Ende der Stunde, wie jeden Montag, wird das politische Tagesgeschehen besprochen.
„Die Werktätigen des Kombinats…“ beginnt Klawdija Alexejewna.
„Klawdija Alexejewna, ich habe eine Frage.“
„Bitte schön, fragen Sie nur!“
„Was ist vor drei Tagen in Alma-Ata passiert?“
„Das waren ein paar jugendliche Chuligany , die haben dort randaliert, Krach gemacht, Autos und Fenster eingeschlagen. Es ist eine Schande. Vielleicht geht es der Jugend zu gut…“
„Aber steckt nicht ein Motiv dahinter? Ich meine, ist es vielleicht ein Kampf der Nationalitäten gegeneinander? Oder ging es um politische Macht? War nicht ein Sekretär eingesetzt worden, den die Kasachen nicht haben wollten?“
„Was für eine politische Macht, Caroline? Wir haben die Macht der Arbeiter und Bauern, und daran werden keine Chuligany etwas ändern!“ Klawdija Alexejewna fixiert Caroline. „Aus welchen Quellen haben Sie solchen Unsinn?“
Als Caroline schweigend nach unten schaut, wird Klawdija Alexejewnas Tonfall wieder friedlicher und nähert sich dem monotonen Singsang, den die Studenten von ihr gewohnt sind.
„Die Bevölkerung Kasachstans besteht zu 30 Prozent aus Russen. Die Einheit des sowjetischen Volkes zeigt sich in dieser Sowjetrepublik also besonders deutlich. In Alma-Ata, sagt man sogar, wird das reinste Russisch der Sowjetunion gesprochen! Russen, Kasachen, Deutsche – es gibt dort eine große Anzahl – und noch einige weitere Nationalitäten leben seit Beginn der Sowjetmacht friedlich miteinander. Was vor drei Tagen dort passiert ist, haben jugendliche Chuligany angezettelt, die Krach machen wollten. Nichts weiter.“

Und auch hier muß er schon dabeigewesen sein. Denn während Klawdija Alexejewna ihre Rede hält und mit ihrem Zeigestock auf der Karte im Gebiet von Alma-Ata herumfährt, löst sich der Zeigestock für einen kurzen Augenblick aus ihrer Hand, fliegt, einen Kreis beschreibend, zu dem großen Leninbild gleich neben der Karte, stößt in Lenins linkes Ohr hinein, als wäre er ein Stöpsel, und verweilt ein Weilchen darin. Dann fliegt er wieder zurück zu Klawdija Alexejewna, die ihren Vortrag, davon unberührt, weiterführt. Was Lenin betrifft, so verzieht er das Gesicht, als würde er in eine Zitrone beißen.
Verwirrt schaut sich Caroline um. Von den anderen – keine Reaktion. Rundherum nur Versammlungsgesichter.

Warum reagiert keiner? Warum schreit niemand oder rennt hinaus oder sieht wenigstens entsetzt aus? Haben sie DAS DA nicht gesehen, und haben sie Klawdija Alexejewnas Erklärung nicht gehört? Wieso nehmen sie beides kommentarlos hin?
Fast alle von uns haben doch die Nachrichten im DEUTSCHLANDFUNK gehört. Wieso fragen sie nicht? Und wieso haben sie DAS DA nicht gesehen, oder ist es ihnen einfach auch egal?

Caroline blickt wütend und hilfesuchend zu Ulrike, die ihren langen, zarten Körper tief in ihrer Jacke vergraben hat.
„Vergeude deine wertvolle Energie nicht, die Heizung wird erst in drei Wochen eingeschaltet. Wenn wir wirklich was wissen wollen, müssen wir Pawlina Nikolajewna fragen, nicht die Alexejewna. Die hat doch keine Ahnung.“
„Aber sie ist Geschichtslehrerin!“
„Gibt es noch weitere Fragen?“ fragt Klawdija Alexejewna, ihr Buch zuklappend.
Es gibt keine weiteren Fragen. Die Stunde ist beendet.

2. Kapitel
in dem das Buch näherrückt und ein seltsamer Fremder auftritt, nachdem eine Begebenheit mit einem toten Schwein stattgefunden hat

Um das Buch, das in der Institutsbibliothek unauffindbar ist, vielleicht doch noch zu bekommen, macht sich Caroline auf den Weg in die städtische Bibliothek. Außerdem sucht sie Material für ihr Referat, das sie morgen im Sprachpraxis-Seminar halten soll. Ihr Thema ist: Die Raumfahrt.
Ihr Weg führt durch den Park. Die Bäume sind rot und golden. Caroline atmet tief durch. Sie hat noch nirgends so goldene Bäume gesehen wie hier. „Solotaja osenj“ nennen die Russen es, Goldener Herbst, die fünfte Jahreszeit.
Ihr Weg führt sie an drei überlebensgroßen Statuen von Lenin vorbei: Einmal, wie gewohnt, mit ausgestrecktem Arm in die Zukunft weisend, einmal in die Zukunft blickend, einmal bloß Kopf. Das Kinn scheint in den kleinen Spitzbart überzugehen. Der Bart ist ein Teil des Kinns.
Ob jemand Lenin ohne Bart erkennen würde? Oder gar mit Vollbart? Oder wäre ihm vielleicht überhaupt kein Vollbart gewachsen? Er konnte ja auch das R nicht rollen. Ein Sprachfehler.

Caroline versucht, orrratorrr zu sagen. Es gelingt nicht. Sprrrachfehler schon eher, wegen des explosiven P vor dem R. Aber ihr R hat nur einen Zungenschlag, höchstens zwei. Richtig rollen kann sie das R nur, wenn sie singt. Caroline beginnt zu singen: „I Lenin, takoi dorogoi, I junyi oktjabr wperedi.“ Ein tadelloses R. Mindestens zehn Umdrehungen. Sie versucht wieder, es zu sprechen. Das R kommt nicht ins Rollen. Wenn sie Lehrerin ist, wird sie mit ihren Schülern singen, beschließt sie.
An den beiden zukunftsweisenden Lenins geht sie geradeaus vorbei. Bei Lenins Kopf muß sie abbiegen, in Richtung des linken Ohres. Sie geht über den Markt, an den Ständen vorbei.
Die Äpfel sehen lecker aus. Rot und glänzend. Poliert. Ob sie einen kaufen sollte? Fünf Rubel für ein Kilo Äpfel. Ein Zwanzigstel bis Dreißigstel eines Monatsgehaltes. Sie wird lieber ein paar Äpfel im staatlichen Laden kaufen. Die staatlichen Äpfel sind billig, klein, gelbbraun und schrumplig. Caroline geht weiter durch die Halle am Fleischstand vorbei. Hinter dem Tisch eines blutbeschmierten Fleischverkäufers baumelt ein Schwein, am Hinterbein aufgehängt. Spatzen und Tauben tun sich an ihm gütlich. Oder fressen sie Würmer?

Warum bin ich so zimperlich? Woraus ist denn die schöne rosa Leberwurst zuhause gemacht? Und der appetitliche Lachsschinken aus dem Freß-Ex ? Doch auch aus armen Schweinen. Der Unterschied ist nur, daß wir die Schweine nicht sehen. Sie werden hinter dicken schalldichten Mauern geschlachtet und zerstückelt und dann säuberlich in Tütchen verpackt, mit der Aufschrift: Gut gekauft gern gekauft. Oder: Guter Kauf zufriedene Kunden. Wir wissen gar nicht, was wir essen. Es kommt eben aus der Tüte. Oder aus der Pelle. Was vorher mit dem Schwein passiert ist, ist uns egal. Wir sind zivilisiert. Das hier – das Schwein, die Vögel, der Verkäufer – ist barbarisch.

Ein Schweinskopf glotzt Caroline vom Ladentisch her an. Dahinter steht der Verkäufer und haut mit einem Beil auf einem Hackklotz eine Haxe von einem Schweinekörper ab.
Ein Kilo Fleisch kostet sieben Rubel.
Eine fleischige Dame steht vor dem Ladentisch und hält mit beringten Fingern ihre mitgebrachte Plastiktüte auf, während sie dem Hackebeilmann mit schneidender Stimme Anweisungen erteilt. Der Schweinekopf glotzt nun auf sein eigenes Bein. Die Frau trägt einen Mantel mit weißem Pelzkragen. Sie ist übel gelaunt und hat es eilig. Neben ihr steht reglos ein etwa 7jähriges mageres Mädchen in brauner Schuluniform und mit großen weißen Schleifen an dünnen Zöpfchen. Es schaut interessiert auf die Schweinshaxe.
Als Caroline sich zum Gehen wendet, zwinkert ihr der Schweinekopf zu.
Carolines Augen weiten sich. Sie hält inne und beugt sich, so weit es die bepelzte Schulter der fleischigen Frau erlaubt, zu dem Kopf hin.

Du Schwein, du machst mich nicht verrückt. Du nicht.

Der Kopf wackelt sich ein wenig auf seinem Brett zurecht und grinst Caroline an.
Caroline steht erstarrt.
„Was stehst du hier im Weg und glotzt“, zetert eine Stimme. Caroline dreht sich um. Die zeternde Stimme gehört einer beleibten Oma mit zwei großen Einkaufsnetzen, von denen sie eines Caroline in die Kniekehle rammt, um an ihr vorbeizudrängen.
„Der Kopf“, stammelt Caroline.
„Was denn? Noch nie einen Schweinekopf gesehen?“ blafft die Omi. „Geh zur Seite, geh zur Seite!“
Caroline tritt zur Seite und flieht.
Der Schweinekopf grinst ihr hämisch nach.

Das Bibliotheksgebäude ist, wie alle Häuser der Stadt, die von Deutschen vollständig zerstört wurde, nach dem Großen Vaterländischen Krieg erbaut. Es besteht aus großen Betonplatten mit einem flachen Dach. Über den Fenstern des ersten Stockwerks hängt die Losung: „Alles für das Wohl des Volkes“.
Caroline betritt die neonerleuchtete Halle und gibt Mantel und Tasche an der Garderobe ab. Drei weitere Mäntel hängen da. Einen Bibliotheksausweis bekommt sie, nachdem sie das Formular ausgefüllt hat.
„Vatersname? Keiner? Sie müssen doch einen Vatersnamen haben!“
„Tut mir leid, hab ich nicht.“
„Da leben Sie ohne Vatersnamen?“
„Lebe ich.“
Die Bibliothekarin schaut Caroline an, als wäre diese in einem Reagenzglas geboren. Als Caroline ihre Karte hat, darf sie hinein. Sie eilt zum Lesesaal. „Literaturnaja Gaseta“ alle Exemplare sind da. Sie öffnet das Heft. Da hat sie es wirklich in den Händen. Das Buch, das Pawlina Nikolajewna ihr empfohlen hat und das sie seit einigen Wochen sucht. Schwarz auf weiß: Tschingis Aitmatow „Placha , Teil 1“. Sie wendet das zerlesene Journal hin und her und lächelt es an. Ein Schatz.
Aber erst kommt die Arbeit. Sie schiebt das kostbare Heft wieder ins Regal zurück und geht zum Register. Im Sachwortverzeichnis findet sie das Thema „Raumfahrt“ extra angeführt. Gagarin. Tereschkowa. Luna I bis III. Laika, der erste Hund im Weltall. Gagarin. Gagarin. Sogar Siegmund Jähn haben sie hier. Ausgezeichnet.
Wie hieß nur der erste Mensch auf dem Mond? Sie kann nichts über ihn finden. Der erste Mensch im Weltall. Okay. Kosmonauten im Weltall. Die erste Frau im Weltall. Und was ist mit den Astronauten?
Nichts. Sie blättert noch einmal den Katalog durch. Nichts. Sie nimmt ein Nachschlagewerk zur Hand. Kosmonauten. Sonst nichts.
Sie fragt die Bibliothekarin um Rat.
„Haben Sie nicht ein Buch über die gesamte Raumfahrt?“
„Aber natürlich.“
Die Bibliothekarin geht mit Caroline zu dem Regal, in dem die Bücher über Raumfahrt stehen.
„Bitte.“
Caroline überfliegt die Titel. Es sind die gleichen wie im Katalog.
„Nein, ich meine, auch über die amerikanische Raumfahrt?“
Diesmal sieht die Bibliothekarin Caroline an, als sei diese ein amerikanischer Raumfahrer oder zumindest ein Spion.
„Lesen Sie hier über die Raumfahrt nach.“ Sie wendet sich ab.
Caroline nimmt einige Bücher mit zu ihrem Tisch und beginnt, sich Notizen über die sowjetische Raumfahrt zu machen.

Ziolkowski.
Man hat ihn für einen Spinner gehalten. Sein Leben lang. Wunderliche Apparate hat er konstruiert, die nicht geflogen sind. Und wie er aussah. Ein spindeldürres Großväterchen mit weißem Bart. Er muß besessen gewesen sein, stolz, und voll Glauben an das, was alle leugneten: daß Menschen fliegen können. Auch ein bißchen verrückt. An wen erinnern mich diese Augen nur? Haben sie etwa geblinkert?

Sie klappt schnell das Buch zu. Sie blickt sich um, doch die drei Leute, die im Lesesaal sitzen, sehen weiter in ihre Bücher. Ein außergewöhnlich hübscher Mann im grauen Anzug schaut sie kurz an und wendet sich wieder seiner Lektüre zu. In Carolines Bauch sammelt sich etwas an, ein großer Klumpen etwa oder umgekehrt ein Stück Vakuum. Nichts Organisches jedenfalls.
Als sie mit den Notizen zur Raumfahrt fertig ist, nimmt sie die Literaturzeitschrift aus dem Regal und eilt mit dieser Beute zu ihrem Tisch.
„Nachdem sich die Berghänge auf der Sonnenseite tagsüber noch etwas erwärmt hatten, kurz nur und leicht wie vom Hauch eines Kindes, war das Wetter kaum merklich umgeschlagen: Wind wehte von den Gletschern, und schon schickte die frühe Dämmerung schleichende Schatten in die Schluchten, Vorboten einer kalten graublauen Schneenacht.“
Die Sprache berührt Caroline. Sie ist musikalisch, poetisch, klagend.
Beim fünften Satz muß sie sich ein Wörterbuch holen.
Als sie eine Weile gelesen hat, schreckt sie von dem Gefühl hoch, daß jemand neben ihr steht.
Es ist der Graue im Anzug. Er ist, schätzt Caroline, etwa Mitte Dreißig, groß und auffallend schlank. Er trägt einen grauen, tadellos sitzenden Anzug und unter der Anzugjacke ein weißes Hemd mit grauer Krawatte. Er hat scharf und ebenmäßig geschnittene Gesichtszüge und eine lange, gerade, schmale Nase. Etwas Unwirkliches, seltsam Leeres geht von ihm aus: Sein Gesicht ist vollkommen symmetrisch. Unter dunklen, wie bei einer schönen Frau geschwungenen Augenbrauen blicken zwei außergewöhnlich große graue Augen seltsam bittend auf Caroline.
„Verrrzeihen Sie, main Frrroilain, darrrf ich Sie sterrren?“ fragt er auf deutsch und hält Caroline einen Zettel hin, auf dem mit unregelmäßigen Buchstaben geschrieben steht: „Wovon abhängen die geistige Fähigkeiten des Menschen?“
Caroline blickt auf den Zettel, dann auf den Grauen und wieder auf den Zettel.
„Könnten Sie vielleicht, bitte“, sagt er mit unbewegter Miene auf russisch, „die Orthographie korrigieren?“
Caroline korrigiert die Orthographie, und er bedankt sich und setzt sich wieder an seinen Tisch am anderen Ende des Lesesaales. Nach einer Weile, in der Caroline mehrere Male den selben Abschnitt ihres Buches gelesen hat, ohne dessen Sinn zu erfassen, erscheint der Graue wieder an ihrem Tisch. Wortlos gibt er ihr einen Zettel. Darauf steht: „Haltz Maul. Du gehst mir auf dem Wecker.“
Caroline korrigiert, ebenfalls wortlos, und gibt den Zettel zurück, ohne dem Fremden in die Augen zu sehen.
Mit der nächsten Nachricht nach einer Viertelstunde kommt sein Name: „Gestatten Sie daß ich mich vorstelle: Iwan Jossifowitsch Bessmertny.“
Caroline steckt Bessmertnys Zettel in die Zeitschrift, klappt sie zu, stellt sie zurück ins Regal und hastet hinaus. Draußen läuft sie im Eilschritt los. Nach den ersten hundert Metern blickt sie sich verstohlen um.
Niemand folgt ihr.

3. Kapitel
in dem ein Streit stattfindet

„Soweit zur sowjetischen Raumfahrt. Wenn man über Raumfahrt spricht, darf man aber meiner Ansicht nach die amerikanische Raumfahrt nicht außer acht lassen. Zum Beispiel war der erste Mensch, der den Mond betrat, Armstrong, ein Amerikaner. Leider konnte ich in den Bibliotheken kein Material über amerikanische Raumfahrt finden. Ich finde das sehr schade. Es gibt ein falsches Bild von der Wirklichkeit.“
Die anderen schauen auf. Vor kurzer Zeit oder zu Hause hätte Caroline so etwas nicht sagen können. Aber hier ist Perestroika.
„Was meinen Sie mit einem ‘falschen Bild von der Wirklichkeit’?“ fragt Wassilij Andrejewitsch leise und fährt sich mit der beringten Hand ordnend durchs pomadige Haar. „Es ist doch nichts Falsches dargestellt?“
„Nein, aber ein wichtiger Teil ist einfach ausgelassen. Bestimmte Informationen werden den Leuten vorenthalten!“
Ulrike flüstert: „Streite dich nicht mit dem Gockel herum. Du ziehst doch den kürzeren.“ Aber Caroline ist wütend.
„Das ist genauso“, sagt sie, „wie mit den guten Büchern. Warum kann man zum Beispiel Bulgakows ‘Der Meister und Margarita’, das beste Buch, das ich bisher gelesen habe, nirgendwo hier kaufen? Und in keiner Bibliothek finden? Die Ausgaben der Literaturzeitschrift, in denen es gedruckt worden ist, sind aus fast allen Bibliotheken verschwunden!“
Wassilij Andrejewitschs Mund und zarter Schnurrbart ziehen sich in die Breite.
„Wenn man von diesem Buch so viele Exemplare drucken würde, wie die Leute haben wollen, müßten doch alle Druckereien monatelang nur dieses eine Buch drucken. Und es müssen schließlich auch noch andere Sachen gedruckt werden.“
Diese Logik entwaffnet Caroline. Außerdem mobilisiert sie Kerstin, Anne und Sabine. Sie legen ihre Unterlagen für Briefeschreiben und Schiffeabschießen beiseite und beginnen zu zischeln. Caroline versteht die Satzfetzen „Russen“ und „merkt nix mehr“.
„Sprechen Sie bitte russisch“, sagt Wassilij Andrejewitsch. „Sie kennen die Abmachung. Wer deutsch spricht, lernt für morgen ein Gedicht auswendig.“
Kerstin beginnt: „Aber das ist doch…“ Ihr fehlen die passenden russischen Ausdrücke. Sie fuchtelt mit den Händen, als flögen die Worte durch die Luft und sie wolle sie einfangen. Sabine kommt ihr zu Hilfe:
„Aber man könnte eine Menge anderer Druckerzeugnisse problemlos einsparen. Außerdem, ist denn jetzt nicht Perestroika? Heißt das nicht, mehr Offenheit? Mitbestimmung? Wie will man das erreichen, ohne die Leute erst einmal zu informieren?“
„Perestroika“, sagt Wassilij Andrejewitsch, „ist so ein Wort, das die Ausländer sehr lieben. Sie meinen also, wir wären uninformiert?“ Seine Mundwinkel und sein Bärtchen wandern gemeinsam nach unten, während sich sein Kinn um einige Millimeter nach vorn bewegt.
Jetzt ist er beleidigt, denkt Caroline. Wie soll man mit jemandem über etwas diskutieren, das, wenn es wirklich benannt wird, seinen Stolz verletzt?
Sabine hat sich in Fahrt geredet.
„Was ist denn Perestroika überhaupt? Hat das irgend etwas mit Mitbestimmung zu tun? In unserem Wohnheim zum Beispiel herrscht Monarchie. Die Wachtjorsche ist die Zarin.“
Ein grimmiges Kichern geht durch den Raum. Vor den geistigen Augen der Studenten erhebt sich mächtig die Gestalt einer Wachtjorsche. Es ist eine Frau mittleren Alters, die am Eingang des Wohnheims hinter einem massiven Tisch sitzt und deren Umfang und vor allem deren Stimme unweigerlich Respekt gebieten. Laden die Studenten jemanden zu Besuch ein, der ihr nicht gefällt, läßt sie ihn nicht hinein. Gefällt er ihr, wird er durchgelassen. Hat sie einmal beschlossen, jemanden nicht einzulassen, ist sie unter Umständen noch immer dazu zu bewegen, ihre Meinung zu ändern. Die Umstände bestehen aus ausländischer Schokolade, Nylonstrümpfen, Damenuntertrikotagen, dabei besonders Büstenhaltern in schwindelerregenden Konfektionsgrößen, und anderen Waren. Caroline und Ulrike mußten einmal ihre russischen Bekannten, die sie eingeladen hatten, wieder fortschicken. Das vorbereitete Abendessen Gulasch und zum Nachtisch selbstgebackener Quarkkuchen hat Caroline voll Wut fast vollständig in sich selbst hineingestopft. Ulrike konnte nichts essen, ebenfalls vor Wut.
„Ihr habt einen Studsowjet , bei dem ihr euch beschweren könnt“, sagt Wassilij Andrejewitsch.
„Aber das haben wir doch längst getan!“ schnappt Anne. „Der Studsowjet hat gemeint, wir sollten uns beim Dekan beschweren. Auch das haben wir gemacht.“
Jetzt rühren sich die Zwillinge.
„Wenn es um die Macht der Wachtjorsche geht“, beginnt Iris, „kapituliert sogar der Dekan“, beendet Viola. Wassilij Andrejewitsch grinst wieder.
„Der Dekan hat uns wieder zum Studsowjet geschickt“, sagt Ulrike.
Der Studsowjet besteht zum größten Teil aus russischen und usbekischen Studenten, die ihren Frieden mit der Wachtjorsche haben wollen beziehungsweise verschiedenerlei Geschäfte mit ihr abwickeln und es vermeiden, mit ihr in Konflikt zu geraten. Der Glaube und das Festhalten ihrer deutschen Kommilitonen an den Gesetzen ist für die sowjetischen Studenten eine Quelle von Ärger und Heiterkeit.
Auch die Vietnamesen, die im gleichen Wohnheim wohnen, sind wendiger als die Deutschen. Sie haben die Situation binnen kürzester Zeit erfaßt, durchschaut und daraus ihre Konsequenzen gezogen. Sie holen ihre vietnamesischen Besucher, die aus allen Himmelsrichtungen angereist kommen, zum Fenster herein. Sie vergeuden keine Energie damit, sich mit Inhabern von Machtpositionen zu streiten, zumal sie diesen sowohl an Körper als auch an Stimmvolumen weit unterlegen sind. Sie müssen ihre Familien zu Hause unterstützen. Von dem größten Teil ihres Stipendiums, das um ein Drittel niedriger ist als das der deutschen Studenten, kaufen sie Kleidung, Haushaltsgeräte, Plattenspieler und schicken große Pakete nach Hause.
„Habt ihr nicht eine Betreuerin mit?“ fragt Wassilij Andrejewitsch. „Wendet euch doch an die.“
Susanne. Es gehört nicht zu ihren Aufgaben, für die Studenten mit einer Autorität zu streiten. Ganz im Gegenteil. Offiziell ist Susanne für die Belange der Studenten da, denen sie mit Rat und Tat zur Seite stehen soll.
Es entsteht eine Pause.
„Zurück zur sowjetischen Raumfahrt“, beendet Wassilij Andrejewitsch das Schweigen. „Lassen Sie mich noch etwas näher auf Jurij Gagarin eingehen. Ein russischer Junge, ein Junge aus dem einfachen Volk, mit einem fröhlichen Kinderlachen…“
Iris und Viola lehnen sich wieder zurück. Ihre identischen Gesichter zeigen identische Langeweile. Kerstin, Anne und Sabine nehmen ihre unterbrochenen Tätigkeiten wieder auf. Ulrike schaut zum Fenster hinaus. Caroline macht sich Notizen über den Bauernjungen Jurij, der ein fröhliches Lachen hatte.

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